Wir haben mit einem Betroffenen über seine Erfahrung mit Pornosucht gesprochen. Sein Name ist frei erfunden. Er ist ca. 30 Jahre alt, in einer Partnerschaft und Vater eines kleinen Kindes. 

TK: In welchem Alter kamen Sie das erste Mal mit Pornografie in Berührung?

Markus Schneider: Das war schon in der vierten Klasse. Da wurden unter den Jungs so Sachen von älteren Geschwistern gezeigt, die zum Teil auch seltsam waren und in Richtung Fetisch gingen. Einiges war schon erschreckend. Klassischen Kontakt zu Pornografie hatte ich mit zwölf Jahren. Zwei Jahre später war ich dann regelmäßig in meinem Zimmer allein im Internet unterwegs. Ich erinnere mich noch, dass ich anfangs recht stümperhaft nach Inhalten gesucht habe und durch Tipps von Freunden erst auf Seiten gekommen bin, wo massenhaft Pornografie zu finden war. Man musste auf manchen Seiten zwar bestätigen, dass man über 18 Jahre alt ist, aber wirkliche Kontrolle gab es keine. Das Angebot ist scheinbar endlos. Klappt es auf einer Seite nicht, nimmt man eben die nächste. Meine Eltern haben davon nichts mitbekommen. Obwohl ein Elternteil als Lehrkraft auch Sexualkunde unterrichtet hat, war Pornographie kein Thema in der Familie.

TK: Wie haben Sie das als Kind damals empfunden?

Schneider: Mir kam es relativ normal vor, nach dem Motto: "Das gibt es und es macht irgendwie Spaß". Ich habe auch weniger zu den Leuten gehört, die sehr viel geguckt haben. Manche schauen zehn Stunden am Stück. Das war bei mir nicht so extrem. Deshalb empfand ich es auch nicht als sehr einschränkend, sondern eher als Freizeitbeschäftigung.

TK: Wann hatten Sie das erste Mal das Gefühl, dass Ihr Nutzungsverhalten nicht normal ist, und wodurch wurde dies ausgelöst?

Schneider: Das war etwa mit 18, 19 Jahren. Da hatte ich zum ersten Mal eine Partnerschaft und habe gemerkt, welchen Einfluss Pornografie darauf hat und wie ich hauptsächlich Sexualität durch Pornographie erlernt habe. Die hatte da schon eine Ausprägung, die sich eigentlich eher in einer Beziehung hätte ausformen sollen. Bei mir kam noch hinzu, dass mich voyeuristische Materialien besonders gereizt haben.

TK: Haben Sie mit Partnerinnen oder Freunden über das Thema gesprochen?

Schneider: Ich fand es damals schwierig, tiefergehend über Pornografie zu reden. Im Freundeskreis habe ich mal gefragt, was denn der schlimmste Porno war, den man jemals geschaut hat, aber da wollte niemand mit der Sprache raus. Das ist schon eine krasse Blackbox, was Leute sich so angucken, weil es so viele Sachen gibt, die teilweise sehr schräg und ja - auch gewaltvoll sind.

TK: Haben Sie auch Scham empfunden, wenn Sie solche Inhalte geschaut haben?

Schneider: Ich war ziemlich schamlos. Aber ich hatte ein wachsendes Problembewusstsein in Bezug auf das Ausleben meiner Sexualität mit Pornographie. Irgendwann habe ich zwei Freunden davon erzählt, aber die waren eher verwundert und irritiert. So war es teilweise entlastend sich auszutauschen, teils kamen dadurch aber auch neue Ideen, wo es was zu sehen gibt.

TK: Wie hat sich die Pornosucht auf Partnerschaften ausgewirkt?

Schneider:  Früher war mir das weniger bewusst. Ich habe meine Sexualität mit anderen Personen und meine Pornografie immer ein bisschen parallel erlebt, wahrscheinlich auch, weil ich nicht klassische Pornos geschaut habe, sondern mich mehr im Bereich Amateurpornografie bewegt habe. Oder ich habe mehr nach emotionaleren Inhalten gesucht, etwas Nahbarem, das an die Realität herankommt. Dadurch hat das weniger Auswirkungen für mich gehabt, auch wenn der Einfluss sicher da war. Jetzt, wo das Thema grundsätzlicher geworden ist, spielt es auch eine Rolle in meiner anhaltenden Partnerschaft. Ich will ja von der Sucht wegkommen und meine Partnerin mit einbeziehen, sozusagen als äußere Kontrollinstanz, ohne sie jetzt in meine Suchtdynamiken hineinzuziehen. Es ist wichtig, dass ich ehrlich zu ihr sein kann und sie nicht am Ende anlüge, um besser dazustehen.

TK: Wie erleben Sie den Suchtdruck?

Schneider: Der Suchtdruck ist mehr geistig als körperlich. Es kommt eine gewisse Unruhe auf, insbesondere in Stresssituationen. Dann gerate ich in ein Gedankenkarussell und wenn es dann nicht ein klares Halt-Signal gibt, entweder von mir oder von außen, dann geht es los. Und dann lasse ich mir vielleicht eine Sache durchgehen und rede es mir schön, dass es so schlimm nicht ist. Aber danach kommt die große Ernüchterung und die Bestätigung, dass es genauso schlecht ist wie eh und je. Es ist ja auch eine anstrengende Tätigkeit, so lange alleine konzentriert vor dem Bildschirm zu hängen. Es ist einem Rausch ähnlich, weil man viele Sachen ausblendet, zum Beispiel, dass man schon stundenlang auf die Toilette muss oder nichts getrunken hat. Und am Ende bleibt dann emotionale Niedergeschlagenheit.

Es gab immer wieder Phasen, in denen ich es gut im Griff hatte, insbesondere, wenn ich gut eingebunden oder in einer Beziehung war. Und in anderen Phasen habe ich gemerkt, dass ich es nicht hinbekomme. Ich habe dann probiert, mir vorzunehmen, keine Pornos zu schauen, oder bestimmt Inhalte zu vermeiden, bin aber doch immer wieder eingeknickt. Richtig bewusst geworden ist mir das vor vier, fünf Jahren, da habe ich schon zehn Jahre regelmäßig Pornos konsumiert. Vollkommen davon loszukommen, schaffe ich bis heute nicht.

TK: Wie hoch war ihr Pornokonsum in den Hochphasen? Hatte das Auswirkungen auf Ihr soziales Umfeld oder Ihren Job?

Schneider: Ich denke, so zehn bis zwölf Stunden in der Woche. Diese Zeit fehlt für andere Dinge. Es ist eine isolierende Tätigkeit, weil man sich zurückzieht, und sie hat einen selbstverstärkenden Effekt. Wenn es mir nicht gutging, habe ich mir Pornos angeschaut und dann hatte ich noch weniger Lust, andere Leute zu treffen. Aber ich habe nicht bewusst auf soziale Kontakte verzichtet, um Pornos zu schauen. Im Job habe ich auch hin und wieder mal darauf zugegriffen, aber eher, wenn mir langweilig war. Das ist jedoch nie aufgeflogen.

Wo ich noch Auswirkungen merke, ist an bestimmten Orten. Badeseen oder Saunen beispielsweise sind für mich einfach anstrengend, weil ich durch die Pornos eine so starke Prägung mitbekommen habe, dass halbnackte Menschen zu sehen mich direkt an Pornografie erinnert. Deswegen gehe ich da nicht mehr so gerne hin. Trigger können aber auch schon auftauchen, wenn man im Fernsehen eine normale Serie schaut, in der es freizügiger zugeht.

TK: Haben Sie therapeutische Unterstützung gesucht?

Schneider: Meine erste Therapie hatte ich mit Anfang 20, weil es mir auch anderweitig nicht so gutging. Da habe ich angesprochen, dass ich mit Pornografie Stress abbaue, weil ich mich so rastlos gefühlt habe. Die Therapeutin sah darin kein großes Problem und meinte, ich solle halt damit aufhören. Sie hat das Suchtpotential nicht erkannt. Später habe ich dann eine weitere Therapie gemacht, bei der es am Rande auch um die Pornosucht ging. Da der Fokus woanders lag, gab es auch keinen Therapieerfolg bei der Pornosucht.

TK: Welche weiteren Schritte haben Sie noch unternommen?

Schneider: Vor drei Jahren wurde ich Mitglied einer Selbsthilfegruppe. Ich hatte da schon das Gefühl, dass es mir hilft, von anderen zu hören, wie sie mit der Problematik umgehen, wo sie scheitern und wo sie Erfolge erzielen. Die Selbsthilfegruppe ist eher christlich geprägt und ich konnte mich nicht so ganz damit identifizieren. Deshalb habe ich Anfang 2023 eine eigene Selbsthilfegruppe gegründet. Mit anderen Betroffenen zusammenzukommen, finde ich schön, und es gibt auch ein reges Interesse, weil es so wenige Ansprechpersonen zu diesem Thema gibt. In diesem geschützten Kreis haben die Leute das Gefühl, sie können über ihre Probleme reden ohne Angst haben zu müssen, verurteilt zu werden.

TK: Was wäre denn Ihr erklärtes Therapieziel?

Schneider: Meine Traumvorstellung wäre es, die Sucht mit einem moderaten Konsum von Pornos im Griff zu haben, weil ich immer wieder mit dem kompletten Verzicht gescheitert bin. Ein Teil des Problems ist ja, was ich mir ansehe. Deswegen habe ich mir gerade eine Webseite gesucht, bei der ich das Gefühl habe, dass sie verantwortungsvoll ist. Sie hat ein beschränktes Angebot und ich kann auf die Inhalte vertrauen. Dadurch komme ich einerseits nicht in komische Felder und andererseits auch nicht in dieses Suchtmuster, wo man nur immer weiterklickt und sich Inhalte nur kurz anschaut. Ich hoffe, noch mehr Erfüllung in meinem Alltag zu finden und die Rahmenbedingungen so gut wie möglich zu gestalten und gleichzeitig genügend Resilienz aufzubauen für den Fall, dass es mir schlechter geht als jetzt. Ich weiß, dass ich mich aktiv kümmern muss, sonst ist es nur ein Glücksspiel, ob es gerade gut läuft.

TK: Wie haben Sie von dem Projekt PornLoS erfahren?

Schneider: Ich habe mich 2020 als Hilfesuchender an Professor Stark gewandt, weil er eine der wenigen Personen ist, die zu dem Thema forschen. Er hatte Erstgespräche angeboten, und das habe ich damals wahrgenommen. Er hat mich dann gefragt, ob ich Mitglied des Projektbeirats werden möchte. Ich habe zugestimmt, weil es sich spannend angehört hat und ich das Projekt mit meiner Erfahrung unterstützen möchte.

TK: Was würden Sie sich für Ihr Kind wünschen, wenn es mal in das Alter kommt, wo es sich vielleicht für Pornos interessiert?

Schneider: Mit der Frage habe ich mich auch schon beschäftigt. Ich finde es schwierig, einen guten Einstieg mit den Eltern zu diesem Thema zu finden. Ich würde deswegen nach einer externen Möglichkeit schauen. Befreundete, junge Medizinstudentinnen sind beispielsweise zur Aufklärung in Schulklassen gegangen und haben sich mit den Schülerinnen und Schülern zu Thema Sexualität ausgetauscht und eine Fragestunde ohne Lehrer gemacht. Solche Angebote von jungen, greifbaren Menschen fände ich wichtig. Spätestens mit 14 ist fast jeder mal mit Pornografie in Berührung gekommen, manche sogar schon mit acht Jahren, obwohl es die Möglichkeit gibt, bestimmte Inhalte im Internet zu sperren. Aber das allein reicht nicht, denn es gibt genügend Schlupflöcher. Also muss man gleichzeitig ein Bewusstsein schaffen und Medienkompetenz aufbauen. Das Thema ist so omnipräsent, deswegen kommt man kaum daran vorbei. Und es hat so einen großen Einfluss auf das Geschlechterverhältnis, also darauf, wie Männlichkeit, Weiblichkeit und Sexualität gesehen werden. Für mich ist das zu einem Herzensthema geworden.

Hintergrund

In Deutschland sind schätzungsweise eine Million Menschen an einer Pornografie-Nutzungsstörung (PNS) erkrankt. Weitere Informationen zum PornLoS-Projekt gibt es auf der Projektseite. Dort kann auch ein anonymer Selbsttest durchgeführt werden. Am PornLoS-Projekt können Versicherte aller gesetzlichen Krankenkassen in Hessen, Rheinland-Pfalz und im Saarland teilnehmen und sich auf der Projektseite direkt zur Teilnahme anmelden.